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KRITIK: Horrorfilme mit bösartigen Kindern in der Hauptrolle gibt es nun wirklich in Massen. Sei es der Klassiker „Böse Saat“, der Okkult-Thriller „Das Omen“ oder „Das Dorf der Verdammten“, um nur drei Beispiele zu nennen. Daher lockt die Geschichte um ein adoptiertes Waisenkind, welches sich als wahrer Alptraum entpuppt, kaum jemanden vor den Ofen hervor. Umso überraschender ist es, dass die im Grunde einfallslose Story nur scheinbar einfallslos ist und mit einer beängstigenden Inszenierung, einer starken Nachwuchsschauspielerin und einem ganz und gar nicht altbackenen Story-Twist, für durchweg spannende zwei Stunden sorgt.
„Orphan – Das Waisenkind“ versetzt den Zuschauer mit seiner schaurigen und beklemmenden Eröffnungssequenz in die richtige Stimmung. Eine sehr intensive Atmosphäre macht neugierig darauf, was noch folgen mag. Die nächsten Minuten bescheren uns aber zunächst einmal allerhand dramatische Sequenzen, die uns einen Einblick in die zerrüttete Familiensituation gewähren. Getragen werden die Szenen von dem gewohnt grandiosen Peter Sarsgaard („Garden State“, „Flightplan – Ohne jede Spur“) und Vera Farmige („Departed – Unter Feinden“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“), die den emotional instabilen Charakter der Familienmutter Kate sehr überzeugend darzustellen weiß. Dass gerade bei Horrorfilmen solche ernsten Momente eher unfreiwillig komisch, bisweilen lächerlich wirken, ist bekannt, aber davon kann bei „Orphan – Das Waisenkind“ keine Rede sein. Die Einleitung, mag sie dem Einen oder Anderen zu lang und zu dramatisch sein, lässt uns in die Figuren hineinversetzen und uns dadurch erst recht im weiteren Handlungsverlauf mit ihnen mitfühlen.
Denn der Film spielt endgültig seine ganze Stärke auf, sobald sie zu sehen ist: Isabelle Fuhrman („Hounddog“). Die zwölfjährige Quasi-Newcomerin ist eine wahre Entdeckung und gibt ihrer Rolle Esther genügend Ausdruck, um einen das Fürchten zu lernen. Scheinbar ist sie das nette kleine Mädchen, welches keiner Fliege was zu Leide tun kann, doch im nächsten Moment kann sie sich in ein wahres Monster verwandeln. Der Film steht und fällt mit seiner Darstellerin, aber Bedenken muss man sich keine machen. Eine passendere Schauspielerin, vor allem in dem Alter, kann man sich kaum vorstellen.
Die Horrorkomponente nimmt jetzt, nach einer kleineren Durststrecke, nach und nach zu. Dabei spielt Regisseur Jaume Collet-Serras, verantwortlich für das mittelmäßige „House of Wax“-Remake, gekonnt mit Genre-Klischees um die Erwartungshaltung erfahrener Horrorexperten zu täuschen, bedient sich aber gleichzeitig an manchen Stellen wiederum zu sehr den gewohnten Stereotypen. Collet-Serras erfindet mit seiner Inszenierung das Rad keineswegs neu, schafft es aber den Kinogänger durchweg bei Laune zu halten. Die Spannung steigt von Minuten zu Minute und mündet in ein rasantes Finale, welchem eine wirklich überraschende Wende im Handlungsverlauf vorangeht. Erscheint diese vielleicht auf den ersten Blick zu sehr an den Haaren herbei gezogen, fügt sie sich doch in das Geschehen wunderbar ein und ist sozusagen das I-Tüpfelchen des Films, wodurch sich „Orphan – Das Waisenkind“ von anderen Genrevertretern abzuheben weiß.
So sehr Isabelle Fuhrman die Lobpreisungen verdient hat, auch die anderen beiden Kinderdarsteller Jimmy Bennett („Star Trek“, „Das Geheimnis des Regenbogensteins“) und die hörgeschädigte Aryana Engineer absolvieren für ihr Alter respektable Leistungen. Gerade Aryana spielt so unschuldig und lebhaft, dass man als Zuschauer die ganze Zeit hofft, dass gerade ihr nicht irgendetwas zustößt.
Die Musik von John Ottman („Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“) ist für einen Horrorfilm passend und erfüllt ihren Zweck, ragt aber nicht über die der Kollegen heraus.
Alles in allem hat sich Jaume Collet-Serra mit diesem Film seinen Namen wieder reingewaschen. „Orphan – Das Waisenkind“ schafft es nicht nur ein einfaches Duplikat der bekannten „Evil-Child-Horrorflicks“ zu sein, sondern seinen eigenen Platz in der Reihe der erfolgreichen Genregrößen einzunehmen. Eine der wenigen echten Horror-Highlights 2009.
(Sebastian Wotschke)
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