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KRITIK: „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki ist der unbestritten bekannteste Buchkritiker Deutschlands. Große Namen der Literaturszene wie Günter Grass mussten bei ihm schon ordentlich einstecken. Einem jüngeren Publikum wird er vor allem durch seine „Dankesrede“ beim deutschen Fernsehpreises bekannt sein („Ich nehme diesen Preis nicht an!“), als er vehement die Anspruchslosigkeit des deutschen Fernsehens kritisierte. Die Wenigsten kennen seine Geschichte bevor er in Deutschland bekannt wurde, seine schrecklichen Jahre während des Nazi-Terrors im Warschauer Ghetto. Diesem Abschnitt seiner Lebensgeschichte widmet sich nun der TV-Film „Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben“, basierend auf der gleichnamigen Autobiographie. Wer den Film (der übrigens überdurchschnittliche Quoten auf Ranickis Lieblingssender Arte einfahren konnte) verpasst hat, hat nun die Chance ihn auf DVD nachzuholen. Und so viel darf man schon verraten: Der Film selbst ist es durchaus Wert!
Matthias Schweighöfer („Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“, „Der Rote Baron“) übernimmt in dem Film die Rolle des berühmten Kritikers. Um dabei nicht zu einer Parodie zu verkommen, verzichtet er auf den unverkennbaren Akzent, auch wenn es dadurch etwas schwer fällt sich vorzustellen, einen Marcel Reich-Ranicki in jungen Jahren zu sehen. Trotzdem schmälert dies nicht Schweighöfers Können, der stets überlegt und nüchtern agiert, aber gleichzeitig sympathisch und charmant. Auch während der tragischen Momenten des Films weiß Schweighöfer zu überzeugen und dank der hervorragenden Regie werden eindringlich die Schrecken des Naziregimes aufgezeigt. Was aber Reich-Ranicki trotz dieser Tragödien nicht abhanden kommt, ist die Liebe zur Literatur, was in den Film auch immer wieder aufgezeigt wird, ohne dabei zu penetrant zu werden. Die Anfänge des Literaturkritikers werden erklärt und auch, wie ihm seine Belesenheit in vielen Situationen einen Vorteil verschaffte. Beispielhaft für seine kritischen Kommentare ist eine Szene, in der er auf der Bahnfahrt nach Warschau feststellen muss, dass er das falsche Buch mitgenommen habe, da für ihn Balzac viel zu zäh sei. Trotz seiner Eigenheiten ist Marcels Schicksal exemplarisch für das Schicksal Vieler zu diesen Zeiten und daher sollte der Film auch Menschen ansprechen, die mit Ranicki sonst überhaupt nichts anzufangen wissen.
Die DVD zu dem sehr aufwendig produzierten Fernsehfilm ist allerdings enttäuschend. Der Ton ist zufriedenstellend, das Bild bestenfalls Durchschnitt; was einem aber sauer aufstoßen lässt, ist das Fehlen jeglicher Extras (wenn man einmal von der obligatorischen Trailer-Show zu anderen Filmen absieht). Kein Making-Of, keine Interviews mit den Darstellern oder der Crew, nichts! Nicht einmal über Marcel Reich-Ranicki selbst bekommt man weitere Informationen geliefert, was gerade dadurch, dass der Film nicht näher auf die späteren Jahre des Kritikers eingeht, definitiv wünschenswert gewesen wäre. Im Fernsehen bekam der Zuschauer nach der Ausstrahlung immerhin eine kurze Dokumentation geboten. Für eine DVD ist dies heutzutage eher peinlich. Da bleibt einem wohl nur die Autobiographie zu lesen, oder das Internet zu durchforsten, wenn man mehr über die interessante Persönlichkeit Marcel Reich-Ranicki erfahren möchte.
Wenn auch die Reaktionen zu dem Film recht unterschiedlich ausfielen, ist zumindestens DER schärfste Kritiker vollends zufrieden gewesen: Marcel Reich-Ranicki selbst. Er fand die lobendsten Worte für die Schauspieler und bezeichnete den Film insgesamt als „fabelhaft“. Na, da hat der Regisseur Dror Zahavi aber nochmal Glück gehabt...
(Sebastian Wotschke)
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